Die Region im Frühmittelalter
„Die Zeit vor der Landnahme durch den Deutschen Orden im Jahr 1225 ist für den Historiker zumeist in wenigen Sätzen abgehandelt. Erst danach läßt sich am südöstlichen Ostseerand das Geschehene anhand historischer Quellen rekonstruieren.“[1]
Einige der frühesten Siedlungen in der Region bildeten die sogenannten Prußen, die vermutlich der baltischen Sprachgemeinschaft, neben Litauern, Kuren und Letten, zuzuordnen sind. Ein erstes Interesse und damit erste Missionierungsversuche und militärische Aktionen gegen die „heidnischen“ Prußen lassen sich für das 10. Jahrhundert rekonstruieren.
Die Ordensherrschaft
Auf dem Hintergrund erfolgloser Versuche bat der Herzog von Masowien schließlich 1226 den Deutschen Orden um Hilfe bei der Christianisierung der Region. Dessen Erfolge sollten schließlich nicht nur zu einem „langen Assimilationsprozeß“ der Prußen innerhalb der deutsch-, polnisch- oder litauischsprachigen Kulturen Ostpreußens bis ins 17.Jahrhundert hinein führen, sondern auch für die Etablierung und das Wirken des Ordens in der Region für etwa 300 Jahre grundlegend sein.[2]
Die Herrschaft des Ordens setzte einige modernisierende Elemente durch wie den Aufbau einer zentralen Verwaltung und die administrative Einteilung der Region. Im Rahmen des Landesausbaus durch den Orden wurden Ordensburgen und daran anknüpfend ein Netz von Städten angelegt und die Einwanderung von Siedlern aus dem deutschsprachigen Raum gefördert. Im 14. Jahrhundert wurden diese Siedlungsbewegungen ergänzt durch die Zuzüge polnischer Bevölkerung in die südlichen Regionen und litauischer Siedler in den Norden und Nordosten des Ordensstaates.[3]
Die Tendenzen des weiteren Landesausbaus trotz bereits erfüllter Mission der Christianisierung in der Region durch den Deutschen Orden beförderten Konflikte mit Polen-Litauen. Ab 1409 kulminierten diese Konflikte in offenen Kämpfen. Im Jahre 1410 schließlich unterlag der Deutsche Orden den Truppen des polnisch-litauischen Großreiches in Tannenwald (poln.: Grundwald), ein Ereignis, dass im weiteren Verlauf der Geschichte noch für einige bedeutungsvolle (geschichtspolitische) Zuschreibungen dienen sollte.
Mit dem Ersten Thorner Frieden von 1411 konnte der Ordensstaat ohne großartige Gebietsverluste weiter bestehen. Andauernde Auseinandersetzungen vorwiegend um Sudauen endeten schließlich 1422, deren Befriedung die Teilung Sudauens beinhaltete und damit eine Grenze schuf, deren südlicher und südöstlicher Grenzverlauf zwischen Ostpreußen und Polen bis 1939[4] bestand.
Das Ende des Ordensstaates
Tiefgreifendere Veränderungen manifestierten sich schließlich im Zweiten Thorner Frieden von 1466 nach innenpolitischen Spaltungen um die Herrschaft über den Ordensstaat und dreizehnjährigem Krieg. Das Land wurde geteilt in „Preußen königlichen Anteils“/Königlich-Preußen (Pommerellen, Danzig, Kulmer Land, Elbing, Marienburg, Ermland) unter polnischer Herrschaft, aber mit weitgehende Freiheiten, und in einen wesentlich verkleinerten Ordensstaat. 1569 wurde Königlich-Preußen in der Lubliner Union formell Teil Polens. Der verbliebene Ordensstaat wurde 1525 unter Albrecht von Brandenburg in ein weltliches Herzogtum Preußen, belehnt durch den polnischen König, überführt. Albrecht von Brandenburg selbst konvertierte zum Protestantismus.
„Preußen war das erste protestantische Land der Welt [...] Von diesem im europäischen Vergleich kleinen Herzogtum am südöstlichen Rand der Ostsee sollten im 16., 17. und 18. Jahrhundert geistige Impulse in alle Welt ausgehen.“[5]
Im 17.Jahrhundert verlagerte sich der Regierungssitz schließlich nach Berlin. Das Herzogtum Preußen löste sich von der polnischen Lehnsabhängigkeit und wurde 1701 zum Königreich.
Große Bevölkerungsverluste durch Tartareneinfälle und Pest beförderten ein Programm der „Repeuplierung“ der Region. Glaubensflüchtlinge aus dem deutschsprachigen Raum, Niederländer, Schweizer, Salzburger, Halberstädter, Magdeburger, aber auch Schotten und Engländer siedelten im damaligen Preußen.
Die polnischen Teilungen und Ostpreußen
Die erste polnische Teilung 1772 stellte die Region, nun umbenannt in Ostpreußen, schließlich unter die Herrschaft des Königreichs Preußen, und gliederte den bisherigen Gebieten des Herzogtums das Ermland an. In den nächsten zwei Teilungen Polens 1793 und 1795 wurden benachbarte polnische Gebiet annektiert, u.a. alte masowische Territorien südlich der ostpreußischen Grenze als Provinz Neu-Ostpreußen.
Als Folge der Niederlage gegen Napoleon 1807 musste Preußen u.a. die Gebiete Neu-Ostpreußens an das Großherzogtum Warschau abgetreten 1812 befreien russische Truppen Ostpreußen von der französischen Herrschaft. Der Wiener Kongreß von 1815 bestätigt die Verluste Preußens der Gebiete, die es aus in der Dritten Polnischen Teilung annektierte.
Die Anbindung Ostpreußens an das Deutsche Reich
Im Laufe des 19. Jahrhunderts wird Ostpreußen zunehmend an Preußen bzw. ab 1871 an das Deutsche Reich gebunden. Die politische und wirtschaftliche Angliederung beinhaltete unter anderem den Ausbau der Infrastruktur mit einem Eisenbahnnetz, Verkehrsknotenpunkten, Funktionsbauten aus Stein für Schulen, Gerichte, Krankenhäuser, Kasernen statt bisheriger Holzhäuser. Auch die Organisation des gesellschaftlichen Lebens verändert sich, insbesondere geprägt durch Aspekte des „Kulturkampfes“, insbesondere im katholischen Ermland, und die sogenannte „Germanisierungspolitik“. Die Verdrängung nichtdeutscher Elemente aus Sprache, aus Orts- und Straßennamen, die nationale Vereinnahmung von Geschichte und Bevölkerungsgruppen mit bisher vorrangig regionaler Ausprägung. Eine Vielzahl von Vereinen gründete sich, die zu großen Teilen auf dem Hintergrund der kaiserlichen bzw. Bismarckschen „Germanisierungspolitik“ aktiv wurden.
Der 1.Weltkrieg dringt in den Jahren 1914/15 bis nach Ostpreußen hinein als einzige der deutschen Provinzen, geprägt von immensen Zerstörungen vor Ort und einer Flüchtlingsbewegung von etwa einer halben Million Menschen. In diesem Kontext steht die sogenannte (zweite) Schlacht von Tannenberg, durch die Hindenburg – als Sieger über russische Truppen – zum Befreier Ostpreußens und deutschem Nationalheld stilisiert wurde.
Ostpreußen nach dem 1.Weltkrieg
Die Solidarität im Deutschen Reich mit Ostpreußen, Städtepartnerschaften, finanzielle Unterstützung zur Beseitigung der Kriegsschäden, die „Ostpreußenhilfe“, ermöglichten den raschen Wiederaufbau der Region und beförderten eine weitere Anbindung Ostpreußens und seiner Bevölkerung an das Deutsche Reich.
Die Pariser Vorortverträge bestimmten entscheidende territoriale Veränderungen, so dass Ostpreußen, unter Abtretung des Memellandes 1919 und Soldaus, in einer Insellage, mit negativen Folgen für die Wirtschaft der Region, abgetrennt von Deutschland verblieb. Plebiszite in den Gebieten Ermland und Masuren entschieden mit starker Mehrheit den Verbleib bei Ostpreußen.
Die folgenden Jahre waren zunehmend geprägt von wirtschaftlichen und demographischen Krisenerscheinungen und im Zuge dessen politischer bzw. ideologischer Radikalisierung. Nach dem Tode Hindenburgs 1934 inszenierte sich Hitler als sein traditionsreicher Nachfolger und neuer „Retter“ Ostpreußens.[6]
„Für viele Ostpreußen waren die Jahre bis 1939 die glücklichsten ihres Lebens.“[7]
Im Jahre 1933 wurde der „Ostpreußenplan“ beschlossen, der einen immensen wirtschaftlichen Aufschwung in der Region bedeuten sollte. Neubau und Modernisierung wurden durch Absatzgarantien für Bauern und günstige Kredite finanzierbar. Die Arbeitsdienstpflicht als Mittel eines totalitären Regimes ermöglichte den weitreichenden Landausbau, die Schaffung oder Verbesserung von Nutzflächen. Die Herrschaft der Nationalsozialisten brachte außerdem soziale Veränderungen. Das Monopol der konservativen preußischen Beamtenelite wurde gebrochen, indem der Aufstieg auch unterer Schichten durch die Parteizugehörigkeit entschieden wurde.[8]
Die in der wilhelminischen Zeit begonnene „Germanisierungspolitik“ wurde während der Herrschaft der Nationalsozialisten ins Extrem geführt, die baltische und slawische Geschichte und Sprache Ostpreußens von 1933 bis 1938 versucht weitestgehend auszulöschen.[9] Der nichtdeutsche Sprachgebrauch sollte aus jeglichem Raum verschwinden und wurde überwacht, selbst innerhalb von Familien wurde zu Denunziationen aufgerufen.[10]
Juden waren ebenso wie in anderen Teilen Deutschlands von Boykott, Terror, Plünderungen, Brandstiftungen und körperlicher Gewalt betroffen, und gehörten zu den ersten Vertriebenen oder unter Zwang Abtransportierten aus Ostpreußen.[11] So waren ins Memelland geflohene Juden nach der Annexion des Memelgebietes 1939 auch dort nicht mehr sicher. Opfer von Verfolgungen wurden unter vielen anderen auch Teile der polnischen und litauischen Bevölkerung in Ostpreußen.
Der 2.Weltkrieg und die Zeit danach
„Ostpreußen war 1939 und 1941 Aufmarschgebiet für die Wehrmacht [...] Ansonsten blieb die östlichste Provinz des Reiches aber eine Oase der Ruhe in einem mörderischen Krieg.“[12]
Erst mit dem Jahre 1944 gelangten Kampfhandlungen auch in ostpreußisches Gebiet. Im Oktober 1944 gelangte die Rote Armee auf deutsches Territorium, um im Januar 1945 Ostpreußen einzukesseln. In diesem Kontext und der anschließenden Kapitulation Deutschlands kam es zu zahlreichen Ausschreitungen der Roten Armee gegen die Zivilbevölkerung, die nach einer ersten Fluchtbewegung nach 1945 wieder in ihre Wohnorte zurückkehrten. In Nordostpreußen wurde die Bevölkerung schließlich vollständig vertrieben, im Südosten reisten die letzten Verbliebenen noch bis in die 1980 Jahre aus.[13]
Im Nachklang des Zweiten Weltkriegs wurde Ostpreußen von der politischen Landkarte getilgt. Der Süden wurde Teil der Volksrepublik Polen, die ihn in ihrer politischen Rhetorik als „wiedergewonnenes Gebiet“ herausstellte, und durch sogenannte „Verifikationsmaßnahmen“ versuchte seinen „urpolnischen“ Charakter unter Beweis zu stellen. Darüber hinaus wurde das ehemalige Ostpreußen zur neuen Heimat für viele Zugewanderte, im Falle des polnischen Staatsgebietes aus Zentralpolen, aber auch aus den ostpolnischen Gebieten, die nach 1945 von der Sowjetunion beansprucht wurden, z. B. aus dem Wilnaer Gebiet und aus Wolhynien.
Der nördliche Teil Ostpreußens wurde, abgesehen vom Memelgebiet, das zu einem Teil der Litauischen Sozialistischen Sowjetrepublik wurde, durch die Sowjetunion beansprucht. 1946 wurde das Gebiet von „Kenigsbergskaja oblast“ in stalinistischer Manier umbenannt „Kaliningradskaja oblast“, und diesen Namen trägt es bis heute.
(JB)
[1] Kossert, Andreas: Ostpreußen. Geschichte und Mythos, München 2007, S.23.
[2] Vgl. ebd., S.31ff.
[3] Vgl. ebd., S.34.
[4] Mit Ausnahme Soldau/Działdowo.
[5] Kossert: Ostpreußen,…S.51.
[6] Vgl. ebd., S.259.
[7] Ebd., S.274.
[8] Vgl. ebd.
[9] Vgl. ebd., S.280f.
[10] Vgl. ebd., S.284.
[11] Vgl. ebd., S.293.
[12] Ebd., S.301.
[13] Vgl. Armgart, M.: Ost- und Westpreußen; in: Roth, Harald (Hg.): Studienhandbuch Östliches Europa 1, Geschichte Ostmittel- und Südosteuropas, S.303-312, hier: 308.