Landschaft ist nicht zu verwechseln mit Natur. Denn die Besonderheit jeglicher Landschaft offenbart sich anhand ihrer Formung durch Menschen. Diese Formung vollzieht sich konkret in physischer, aber ebenso in diskursiver Veränderung. Dem liegt ein Verständnis zugrunde, dass Landschaft als physisch-geographischer Raum, nicht als gedachter, sondern als ein dinglicher Raum existiert, der der materiellen Einwirkung durch den Menschen unterliegt; aber ebenso, dass Landschaft als Raum imaginiert/gedacht wird und ihre Wirkung entfaltet bzw. auf sie – in der Vorstellung von Landschaft – eingewirkt wird.[1]
Wenn also Landschaft ein Träger von Spuren ist, so steht das Spurenlesen für die Entschlüsselung dieser Landschaft und der Zeichen mit denen sie versehen ist.[2]
Eine ganz besondere Form der Landschaft ist das Grenzland.
Über die linienhafte, vor allem administrativ geprägte Vorstellung von Grenze hinaus offenbart die Untersuchung der Landschaft einer Grenze oft ein Potential, dass über das Trennende als Grenzcharakteristikum, und damit über eine heute womöglich gängige Selbstverständlichkeit von Nationalstaaten, ihren Territorien, ihren Grenzen und damit ihrer betonten Unterschiedlichkeit hinaus weist.
Peter Weichhart betont die „Ambivalenzen der handlungs- und lebenspraktischen Bedeutung des Phänomens der »Grenze«“[3] und thematisiert damit die Vielfältigkeit in der Wirkung von Grenzen. Für Grenze (und das Grenzland) gilt, was für Landschaften gilt: Auch sie existieren in manifester als auch in mentaler Form. Sie konstituieren eine räumliche Ordnung und beeinflussen die Umweltwahrnehmung. Sie markieren bestimmte Raumgesetze von Gesellschaften und sind Zeichen zur Konstitution ihrer Geographien.[4]
Grenzen wirken in politischer, sozialer, ökonomischer, religiöser und kultureller Dimension. Je nach Ausprägung dieser Wirkungen entsteht ein Bild davon in welcher Qualität eine Grenze präsent ist.
In nationalstaatlicher Perspektive gelten Grenzen und die ihnen nächsten Gebiete zumeist als peripher. Das Grenzland erscheint in streng politisch-geographischem Sinne am Rande der jeweiligen Nationen/Staaten, der „Kerngebiete“.[5] Der bei Grenzländern häufig auftretende Charakter als sprachliches, kulturelles und ethnisches Übergangsgebiet wird dabei oft als „rückständig und minderwertig“[6] dargestellt.
Grenzräume werden in Nationalstaaten vorrangig erst in der Diskussion um national(staatlich)e Loyalität der jeweiligen Grenzbevölkerung oder der Verschiebung von Grenzen zentral. Insbesondere dann zeigt sich die Besonderheit der Grenzräume als „Zwischenräume“[7], in denen sich unter anderem auch die Vorläufigkeit staatlicher Ordnungen zeigt.
Teil dieser Vorläufigkeit ist die sich verändernde und veränderbare Bedeutung von Grenzen für individuelle und kollektive Identitäten. Die „landschaftliche Vereinigung ethnischer Gruppen“ vollzieht sich „durch den Wirkungszusammenhang von Siedlung und Territorialisierung“[8], allerdings nur in Verbindung mit entsprechenden „räumlichen Ordnungs- und Strukturierungsdiskursen“[9]. Gemeinsamkeiten in Siedlung und Territorialisierung können verbinden, Diskurse können sie jedoch auch wieder trennen.
Insofern ist es notwendig nicht nur die oben genannten Wirkungsdimensionen von Grenze zur Erfahrbarmachung zu untersuchen, sondern eben auch die „Geographie des Alltags“ und alltägliche Praktiken des Geographie-Machens, „regionale Lebensformen“ und die „Regionalisierung der Alltagswelt“ zu erkunden.[10]
Diese Alltagswelt und die Art und Weise in der Grenze wirken kann, lässt sich auch heute noch oft an Spuren in der entsprechenden Landschaft erfahrbar machen, selbst wenn es sich um eine inzwischen „verschwundene“ Grenze handelt.
„Verschwunden“ heißt dabei vor allem, dass die spezifische politische und territoriale Trennung, die die Grenze vornehmen sollte als solche ihre Bedeutung verloren hat. Dass die Grenze auf der Karte, ihr physisch-geographischer Verlauf nach wie vor bestehen kann, ihre Bedeutung und konkreteren Funktionen jedoch dem Wandel unterlegen haben, und damit vergangene Zuschreibungen, heute nicht mehr wirken.
[1] Vgl. Traba, Robert: Wschodniopruskość. Tożsamość regionalna i narodowa w kulturze politycznej Niemiec, Poznań u.a. 2005, S.218f.
[2] Vgl. Hard, Gerhard: Geographie als Spurenlesen. Eine Möglichkeit, den Sinn und die Grenzen der Geographie zu formulieren; in: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie 33 (1989)/1-2, S.2-11.
[3] Weichhart, Peter: Territorialität, Identität und Grenzerfahrung; in: Haslinger, Peter (Hg.): Grenze im Kopf: Beiträge zur Geschichte der Grenze in Ostmitteleuropa, Frankfurt/Main 1999, S.19-20.
[4] Zu diesen Begriffen vgl.: Gebhardt, Hans et alii (Hrsg.): Geographie. Physische Geographie und Humangeographie, München 2007, S.70ff.
[5] Ther, Philipp: Sprachliche, kulturelle und ethnische „Zwischenräume“ als Zugang zu einer transnationalen Geschichte Europas; in: Ders./ Sundhaussen, Holm (Hg.): Regionale Bewegungen und Regionalismen in europäischen Zwischenräumen seit der Mitte des 19.Jahrhunderts, Marburg 2003 (=Tagungen zur Ostmitteleuropa-Forschung 18), S.IX-XXIX, hier: XI.
[6] Ebd.
[7] Ebd.
[8] Schattkowsky, Ralph: Das Land zwischen Ost und West. Regionalität und Herrschaft im östlichen Mitteleuropa; in: Wojciechowski, Mieczysław/ ders. (Hg.): Historische Grenzlandschaften Ostmitteleuropas im 16. und 20.Jh. Gesellschaft – Wirtschaft – Politik, Toruń 1996, S.7-23, hier: 15.
[9] Gebhardt et al. (Hrsg.): Geographie…, S.574f.
[10] Ebd., S.592ff.